Sonntag, 26. April 2009

Nachlese

Die Menschen in Island hoffen, dass alles doch nicht so schlimm wird.
Aber vielleicht wird es schlimm, und sie werden sich daran gewöhnen, das ist das eigentlich Schreckliche, sich an die Angst zu gewöhnen, an Stress, an Neid, an Angeberei, an Erwachsenenspielen.

Sie werden beginnen, Anzüge zu tragen und Schlipse, sie werden effektiv werden, und es wird ein Gefälle geben zwischen Arm und Reich, Mann und Frau, Isländern und Ausländern.

Und wenn Sie das Land dann besuchen, mit einer Touristengruppe in einer billigen Hotelkette wohnend, die ganz Island bebaut haben wird, dann werden Sie sich darüber freuen, wie billig die Reise war und wie hübsch die blaue Lagune, in der man im warmen Wasser schwimmen kann.

Die Geysire und die Pferde werden Sie bestaunen, und die Isländer, werden Sie sagen, die sind ja so ein bisschen wie wir, also wie alle. Nein, da ist mir nichts Besonderes aufgefallen.

(Ausschnitt eines Textes von Zeit online)


Wie schön wäre eine Gesellschaft, wäre man nicht dem Zwang ausgesetzt, effektiv zu sein, sondern hätte die Freiheit sich ganz seinen Interessen, exzentrischen Angewohnheiten und Neigungen hinzugeben.

Das ist eigentlich der Traum, dem ich hinterherlaufe. Eine Gesellschaft in der es nicht darum geht zu funktionieren, sondern darum sich selbst auszudrücken.

Aber natürlich ist nichteinmal ganz klar was es heißt "sich selbst auszudrücken". Und natürlich gab es auch im Island vor 3 Jahren genug Stress, Neid und Angeberei. Und natürlich könnte es sein das ich einfach an einem Peter Pan Syndrom leide.

Aber dennoch...

Donnerstag, 23. April 2009

Ein schöner Brauch

Geburstage sind da um sie zu feiern. Aber wie oft kommt es zu Stress, weil man kurz vor dem Geburstag eines guten Freundes kein Geschenk hat und auch keine Idee. Eine schöne Alternative ist es, das Geschenk erst nach (oder vor) dem eigentlichen Feiertag zu schenken: Der Stress des Geschenkebesorgens entfällt und auf der anderen Seite muss man, wenn man denn mal eine gute Idee hat, auch nicht bis zum nächsten Geburstag warten.

Zufällige Beobachtung: Gestern wollte ich mir zur Feier des Tages Pizzabrötchen kaufen und gehe dafür in unsere Stammpizzeria. Während ich warte kommt kein kleines Mädchen vorbei, will eine Pizza Magherita kaufen und legt schüchternst 2€ auf den Tresen. Eine Pizza Magherita kostet aber 2.50€. Sie hat die Pizza dann aber doch bekommen. Nett von Pizzaverkäufer, aber ich wette sie hat auch gelernt, dass es sich für Mädchen lohnt, schüchtern und süß zu spielen (sein).

Dienstag, 21. April 2009

Locke IV: (keine) angeborenen moralischen Regeln / Kritik

Custom, a greater power than Nature, seldom failing to make them worship for Divine, what she hath inured them to bow their Minds, and submit their Understandings to, it is no wonder, that grown men, either perplexed in the necessary addairs of Life, or hot in the pursuit of pleasures, should not seriously sit down to examine their own tenets; Especially when one of their principles is, that principles ought not to be questioned.

Locke ist nicht nur der Meinung, dass es keine Angeborenen Sätze (oder Wahrheiten) gibt, sondern auch, dass es keine angeborenen praktischen Prinzipien gibt. Ein praktisches Prinzip kann man dabei am ehesten mit einer moralischen Regel gleichsetzen. Lockes Argument gegen angeborene praktische Prinzipien ist, dass es kein praktisches Prinzip gibt, das in allen Gesellschaften gleichermaßen befolgt wird.

Er demonstriert das am Beispiel der Regel Parents preserve and cherish your Children. Er nennt dann einige Kulturen von 'Wilden' (z.B. meint er, das in der Karibik Wilde ihre Kinder mästen und essen würden), sowie Praktiken der antiken Römer und Griechen. Abgesehen davon, dass sich hier schön die kulturelle Prägung des britischen Empire zeigt, muss ich Locke hier insofern wiedersprechen, als das ich bestimmt Verhaltensweisen durchaus für angeboren halte. Genauer, glaube ich nicht, dass es Kulturen gibt, in denen sich Eltern wirklich überhaupt nicht um ihre Kinder sorgen, da solche Kulturen keine große Chance haben fortzubestehen. Es mag sein, dass nicht alle Kinder gleich behandelt werden (z.B. mag man sich eine Kultur vorstellen, in der nur Erstgeborene wirklich umsorgt werden) und auch mögen sich die Ideen über das was gut für Kinder ist unterscheiden (z.B. mag es Kulturen geben, die ihre Kinder durch Prüfungen abhärten wollen), aber eine Kultur muss sich in irgendeiner Weise um die eigenen Kinder kümmern. Meiner Meinung nach ist dieses Verhalten zumindest teilweise evolutionär bedingt (man beobachtet es ja auch bei anderen Säugetieren) und Teil unserer angeborenen Verhaltensweisen.

Ich gebe Locke aber in der Hinsicht recht, dass die meisten ethischen Regeln nicht angeboren sind, sondern durch den Einsatz des Verstandes, ausgehend von Grundannahmen, gefolgert werden müssen, oder aber alternativ auf Grundlage von Gewohnheit und Glauben angenommen werden. Deswegen finde ich auch den oben zitierten Satz so schön: Er drückt aus, dass es den meisten Menschen nicht um den Gebrauch ihres Verstandes geht, sondern dass sie sich mehr oder weniger blind ihren Gewohnheiten ergeben.

Montag, 20. April 2009

Stundenplan

Wieder einmal steht die Arbeit der Lektüre von Locke im Weg. Deswegen werde ich hier über meine Arbeit sprechen, genauer: Über meinen Stundenplan. Meine Veranstaltungen dieses Semester sind:

Randomisierte Algorithmen

Eine Vorlesung für das Studium Generale, auf die ich mich sehr freue. Ich habe bis jetzt nur wenig formal mit randomisierten Algorithmen zu tun gehabt, wurde aber immer wieder auf die Nützlichkeit des Zufalls in bestimmten Situationen (gerade zum Aufbrechen von Symmetrie) aufmerksam gemacht. Ich hoffe durch diese Vorlesung kann ich das auf eine vernünftige theoretische Basis stellen.

Seminar: User Centred Design

Usability Engineering aus Psychologensicht. Das Seminar wird vom c-Lab angeboten und ich habe den ersten Termin leider verpasst. Ich hoffe darauf, dass im Seminar empirische Studien vorgestellt werden anstelle von reinen Designideen. Da das c-Lab aber sehr praxisorientiert ist, denke ich, dass es gute Chancen dafür gibt.

Seminar: Erkenntnis und Wahrnehmung im britischen Empirismus

Locke, Baby! Zudem scheint der Dozent vernünftig zu sein und ich werde für den Leistungsnachweis nicht allzuviel tun müssen (ein Referat über die Biographie Lockes, auf das ich mich sehr freue, da ich bis jetzt noch nicht allzuviel zu seinem Hintergrund gelesen habe). Leider wird dort nicht das Orginal des Essays gelesen, sondern eine deutsche Übersetzung der französischen Ausgabe (oder so). Jedenfalls sind die Kapitelnummerierungen dort anders als bei mir.

Seminar: Handlungen

Ein philosophisch / psychologisches Forschungsseminar, das nach einer entäuschenden ersten Sitzung gerade gute Chancen hat gegen das konkretere Seminar zu Fahrerassistenzsystemen rauszufliegen. Allein der Versuch der Definition des Begriffs Handlungen zu Beginn war meiner Meinung nach schon etwas konfus.

Seminar: Algorithmen für sichere verteilte Systeme

Die Veranstaltung, die das Potential hat, mir am meisten Spaß zu machen. Ich werde mich mit verschiedenen Möglichkeiten, SPAM zu entdecken und zu bekämpfen, beschäftigen. Wenn ich Glück habe, kann ich über die TREC und CEAS SPAM Challenges reden, was mir eine Entschuldigung gibt, mehr über Support Vector Machines, logistische Regression und konkrete Anwendung des maschinellen Lernens zu lernen.

Freitag, 17. April 2009

Locke III: Drei Argumente gegen angeborene Ideen

Die ersten Kapitel des Essays sind gelesen und ich möchte die Gelegenheit nutzen, Lockes Argumente gegen angeborene Ideen vorzustellen. Locke nimmt dabei die Argumente der Befürworter angeborener Ideen und wiederlegt sie.


1. Argument: Es gibt Wahrheiten, die alle Menschen kennen, dies sind angeborene Ideen.

Lockes Antwort:
Es gibt kein gemeinsames Wissen, das von allen Menschen geteilt wird. Selbst wenn man eine so offensichtliche Wahrheit wie

"Es ist unmöglich, dass ein Ding ist und gleichzeitig nicht ist"

betrachtet, so stellt man fest, dass es viele Menschen gibt, die diese Aussage nicht kennen. Insbesondere kleine Kinder würden der Aussage nicht ohne weiteres zustimmen, da sie mit derart allgemeinen Aussagen nicht vertraut sind. (Die Erfahrungswelt der Kinder erstreckt sich nur auf konkrete Dinge und die Verallgemeinerung zum Ding an sich ist noch bedeutungslos)


2. Argument: Es gibt Aussagen, die von allen Menschen anerkannt werden, sobald sie ihren Verstand benutzen können. Diese Aussagen sind angeboren.

Lockes Antwort:
Dieses Argument versucht Lockes Gegenargument zum 1. Argument zu umgehen, da Kinder noch nicht unbedingt ihren Verstand benutzen können. Es ist allerdings unscharf formuliert.

1. Fall
Gemeint ist: Es gibt Aussagen, die von allen Menschen durch Benutzung ihres Verstandes erkannt werden. Diese Aussagen sind angeboren.

Dann gilt aber, das alle Aussagen, die allein durch Benutzung unseres Verstandes entdeckt werden können, angeboren sind. (Unter anderem sind dann sämtliche mathematische Theoreme angeboren)
Dies ist aber ein Wiederspruch: Der Verstand ist gerade ein Werkzeug des Geistes um unbekanntes aus bekanntem abzuleiten. Es kann nicht angeboren sein, was durch den Verstand entdeckt werden muss.

2. Fall
Gemeint ist:
Es gibt Aussagen, die von allen Menschen zu dem Zeitpunkt erkannt werden, zu dem sie ihren Verstand erlangen. Diese Aussagen sind angeboren.

Allerdings ist auch diese Interpretation falsch, da zum einen der spezifische Zeitpunkt an dem eine Aussage erkannt wird keinerlei Begründung dafür ist, dass diese angeboren ist (zumal die Benutzung des Verstandes nichts mit der Angeborenheit der Aussage zu tun haben kann) und zum anderen gerade allgemeine Aussagen wie

"Es ist unmöglich, dass ein Ding ist und gleichzeitig nicht ist"

oft deutlich nach dem Entstehen des Verstandes von Menschen erkannt werden. (Nämlich dann, wenn sie genügend Erfahrung gesammelt haben um solch allgemeine Aussagen zu verstehen).


3. Argument: Es gibt Aussagen, die von allen Menschen anerkannt werden, sobald sie die Begriffe in den Aussagen verstehen und sie die Aussage hören. Diese Aussagen sind angeboren.

Lockes Antwort:
Locke gibt hier mehrere Gegenargumente an, von denen ich das wiedergebe, welches ich am schönsten fand, da es stark einem Wiederspruchsbeweis ähnelt.

Nimmt man an dass das Argument korrekt ist, so ist das Wissen über alle Aussagen der Form

"Idee A ist nicht Idee B."

angeboren, da sie selbstverständlich sind.
Das bedeutet aber auch, dass die Ideen A,B angeboren seien müssen (ohne Wissen über die Ideen ist die Aussage gegenstandslos) und damit alle Ideen angeboren sind.
Gerade Ideen wie z.B. über Farbe und Form sind jedoch gerade nicht angeboren sondern werden durch die Sinne erfahren. Wir haben also einen Wiederspruch.

Mittwoch, 15. April 2009

Viele Kleinigkeiten

Das Semester hat begonnen und neben den ersten Vorlesungen fordert auch die Projektgruppe wieder eine ganze Menge Arbeit. Ich bin gestern also nicht dazu gekommen Locke tatsächlich anzufangen und habe auch heute nur das Vorwort -The Epistel to the Reader- gelesen. Diese bietet zwar keine neuen philosophischen Ideen, ist dafür aber in einem herrlichen alt-englischen Stil geschrieben: Locke erläutert den Ursprung des Essays und entschuldigt sich in bester britischer Art für alle möglicherweise vorhandenen Fehler im Text (z.B. dafür, dass Dinge fehlen, oder das der Text zu ausführlich ist, ...).

Daneben habe ich heute morgen mit der Wohnungssuche in München begonnen und auf diversen Seiten nach Angeboten gesucht und welche aufgebeben: München ist ein teures Pflaster und ich erwarte eine Miete von etwa 500 Euro im Monat für ein kleines Zimmer. Aber es ist ja nur für drei Monate und ich verdiene ja auch etwas.

Für einige Leser wird auch von Interesse sein, dass ich von Dirk ein Buch über die Programmiersprache Scala bekommen habe, das nun ebenfalls auf meiner Leseliste steht. (Das Lernen von Scala wird nach dem Abschluss des Stanford Machine Learning Kurses mein nächstes größeres 'privates' Informatikprojekt werden) Ich hatte schonmal die pdf Version des Buches und kann nur wiederholen, dass Scala als High-Level Sprache einen sehr guten Eindruck macht. Unter anderem die nahtlose Integration von Javabibliotheken und die Kombination von objektorientierter mit funktionaler Programmierung interessieren mich. Allerdings soll die Performance von Scala etwa der von Java entsprechen, also im Vergleich zu C/C++ eher schlecht sein. (Kein Wunder, wenn die Java Bibliotheken über Scala mitbenutzt werden können)

Montag, 13. April 2009

Locke II: Hintergrund

Wenn man jemanden verstehen will ist es oft gut, seinen Kontext und seinen geschichtlichen Hintergrund zu verstehen. Man erkennt dann besser, welche Ideen für seine Zeit neu waren und welche bereits (vielleicht fälschlicherweise) allgemeint anerkannt waren. Ich werde also in Zukunft hier meine Beiträge zu Lockes Philosophie mit einigen Beiträgen über seinen Hintergrund und Kontext mischen.

Locke wurde 1632 geboren, von 1652 bis zu seinem Ausschluß 1675 war er Student im Christ Church College in Oxford (mehr dazu in einem späteren Blogeintrag). Er studierte dort vor allem Medizin.

Wichtig für seine Philosophie war seine Bekanntschaft mit Shaftesbury, den er wegen einer Lebererkrankung behandelte und dessen persönlicher Assistent er wurde. Von 1667 bis 1675 lebte er fast ausschließlich bei Shaftesbury. Hier liegt wohl auch der Ursprung seiner Ansichten: Zusammen mit Shaftesbury trat er für die religöse Toleration ein. Die Ziele waren allerdings deutlich moderater als das, was wir uns unter dem Begriff vorstellen würden:

Es gibt Dinge, bei denen es ein absolutes Recht auf Toleration gibt. Dies sind Dinge die bloß spekulativ sind und nicht das Leben der eigenen Nachbarn beeinträchtigen oder den Staat gefährden.

Hier sieht man schon, warum er im Essay später so stark gegen den Begriff der angeborenen Ideen vorgehen wird: Angeborene Ideen stehen im Wiederspruch zu spekulativen Dingen.

Der Ursprung für das Essay selbst liegt in einem Treffen 1671, in dem religiöse und moralische Themen diskutiert wurden. In den eigentlichen Themen war kein Vorankommen zu erzielen und Locke gelangte zur Überzeugung, dass derartige Überlegungen auf die grundlage einer ausgearbeiteten Erkenntnistheorie gestellt werden sollten. Erste Entwürfe des Essays gibt es deswegen auch schon aus dieser Zeit.

1683 entschied sich Locke aufgrund politischer Wirrungen nach Holland auszuwandern. In diesem, damals sehr liberalen, Staat wurde das Essay schließlich fertiggestellt (Es wurde aber erst nach seiner Rückkehr nach England veröffentlicht).